Große Privatsammlungen des 19. und 20. Jahrhunderts
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Große Privatsammlungen des 19. und 20. Jahrhunderts

Eine Internet-Präsentation aus dem Department Kunstwissenschaften am Institut für Kunstgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München

 

Bei dem Stichwort „Geschichte der Kunstsammlungen“ denkt man vor allem an die großen fürstlichen Sammler in der Art der Medici, der Wittelsbacher oder der Schönborn. In der Tat gelten das 16., 17.und 18. Jahrhundert als große Epoche der Kunstsammlungen und dieser Sichtweise entspricht es, dass die überwiegende Zahl von kunsthistorischen Gesamtdarstellungen zur Sammlungsgeschichte die Französische Revolution (1789) als eine Zäsur begreift, die auch den Beginn einer anders strukturierten Sammeltätigkeit markiert. Diese Zäsur wurde durch die Folgeereignisse der Revolution zementiert, zu denen vor allem die Säkularisation zählt, die zu einer folgenreichen Umschichtung des Kunstbesitzes in ganz Europa führte. Was bis dahin ein ortsgebundener und weitgehend funktional und institutionell verankerter Kunstbesitz war – also etwa der gesamte klerikale Bestand – wurde in der Folgezeit neu verteilt, und zwar zwischen der säkularen öffentlichen Hand und den privaten Sammlern.

 

Forschungsstand

Bei den bisherigen Untersuchungen zur Geschichte des Sammelns von Kunst liegt der Schwerpunkt auf den alten Sammlungen vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, die, soweit sie rekonstruierbar sind, auf jeden Fall hohe Qualität und Erlesenheit der Objekte garantieren (Cristina de Benedictis, Storia del collezionismo italiano, 1998.  ISBN 88-7928-447-9). Das Sammeln von Kunst war in diesem Zeitraum Ausdruck und Manifestation einer anerkannten Macht und reflektierte einen sozialen Status, der zugleich die Voraussetzung für die Entstehung der Sammlung und deren angemessene Präsentation war. Der Verlust dieses Status bzw. der Zusammenbruch des ihn tragenden politischen Systems führte auch meistens zur Zerstreuung der Sammlung.

Abgesehen von den durch Napoleon bewirkten Standortwechseln von Kunstwerken kurz vor 1800 hat die Geschichte und Struktur des privaten Sammlungswesens während des 19. und 20. Jahrhunderts das Interesse der Kunstgeschichte bisher nur punktuell geweckt. Zwar wurden in den letzten Jahren einzelne Sammlungen der Öffentlichkeit in Form von Ausstellungen präsentiert (Denon, Speck von Sternburg, Dr. Rau), aber es fehlt bislang der Versuch, die Sammeltätigkeit der beiden Jahrhunderte einer Analyse zu unterziehen, die sich übergreifend mit den Fragen nach den Motivationen und dem Vorgehen der Sammler befasst und die nach den Sammlungsanreizen, nach den Kriterien der Auswahl, nach den Strategien des Erwerbs, nach den Beratern und nach der wissenschaftlichen Bearbeitung fragt.

Das fächerübergreifende Potential dieses Gebietes wird bislang vor allem von der Soziologie ausgeschöpft, und eines der brillantesten Ergebnisse dieser Spurensuche sind die Arbeiten von Krystof Pomian (Collectionneurs, Amateurs et curieux, 1987. Dt.  Vom Ursprung des Museums. Vom Sammeln, Berlin 1998), die den Sammler und die soziologischen und psychologischen Gründe seines Tuns ins Visier nehmen. Dagegen interessiert sich die Kunstgeschichte mehr für die Objekte selbst und weniger für die Persönlichkeit und die Motivation des Sammlers, da für sie die Ergebnisse seines Sammeln Vorrang besitzen, sowie die weitere Geschichte der Sammlungen, sobald sie einen öffentlichen Status angenommen haben.

 

Vorgehensweise und Zielsetzung

Das Themengebiet des Hauptseminars „Private Sammlungen im 19. und 20. Jahrhundert“ grenzte sich auf die Zeitspanne zwischen der Aufklärung und den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts ein, wobei solche Sammlungen ausgeklammert blieben, die sich ausschließlich auf die jeweils zeitgenössische Kunst konzentriert haben. Es war das Anliegen des Seminars, die spezifischen Bedingungen und Kriterien der privaten Sammeltätigkeit für das 19. und 20. Jahrhundert herauszuarbeiten. Eine entscheidende Rolle kommt dabei der Differenzierung der unterschiedlichen Typen und Vorgehensweisen des modernen Sammlers zu, dessen Vorgehen und Naturell erstmalig von Goethe analysiert wurde, was auch in Zusammenhang mit Goethes eigener Sammeltätigkeit gesehen werden muss, die den Auftakt für das Arbeitsprogramm des Seminars bildete. Ein weiterer Schwerpunkt war die Erkundung des Phänomen Sammelns im europäischen Kontext, um Anhaltspunkte für die vergleichende Betrachtung zu gewinnen.

Die übergreifenden Aspekte, die aus der vergleichenden Betrachtung von Sammlungen gewonnen werden können, die unter sehr unterschiedlichen politischen und sozialen Verhältnissen entstanden, ließ es sinnvoll erscheinen, das chronologische Prinzip durch die geographische Streuung zu ergänzen.  Abweichend von dem vor einigen Jahren an der FU Berlin initiierten Forschungsprojekt, das die Konditionen des Sammelns auf das Berlin des 19. Jahrhunderts fokussierte, stand bei unserem Seminar die vergleichende Betrachtung im Vordergrund. Wie etwa sind die Unterschiede im sammlerischen Verhalten zwischen Vivant Denon, den Brüdern Boisserée und dem spanischen Infanten Sebastian Gabriel de Borbón zu bewerten, wie definiert sich der Bildungsauftrag des Sammelns in Zeiten des politischen und kulturellen Umbruchs, gibt es Idealkonfigurationen für die Struktur einer Sammlung, in welcher Weise beeinflusst die fachliche Beratung das sammlerische Konzept, welchen Stellenwert besitzt die Präsentation und wie beeinflusst sie das sammlerische Verhalten. Die Motivation zum Sammeln und die Wahl der Sammelgebiete beruht außerdem auf einer anderen Variable, und dies sind die schwer fassbaren geschmacklichen und systematischen Vorgaben, aus denen die Sammeltätigkeit im 19.und 20. Jahrhundert hervorging. An die Stelle des in den älteren Sammlungen – selbst noch bei Goethe- immer noch verbindlichen enzyklopädischen Konzepts trat eine von partikulären Interessen und Vorlieben geleitete Auswahl, an der auch die individuelle psychische Disposition ihren Anteil hatte, die gelegentlich sogar pathologische Züge annehmen kann.

Die Beiträge der Seminarteilnehmer/innen zu einzelnen Sammlungen orientierten sich an den folgenden Fragestellungen:

  1. Die Person des Sammlers, sein sozialer, kultureller und wirtschaftlicher Status
  2. Motivationen für die Sammeltätigkeit
  3. Die schriftliche und bildliche Dokumentation der Sammeltätigkeit 
  4. Die Struktur der Sammlung, ihre Genese und zeitliche Akzentverschiebungen 
  5. Die Unterbringung und Präsentation der Sammlung 
  6. Die wissenschaftliche Bearbeitung und das spätere Schicksal der Sammlung.

Das vorläufige Bild, das sich aus den Seminararbeiten ergibt, ist, dass es zwei gegensätzliche Typen der privaten Sammeltätigkeit gibt. Typ 1 nimmt seinen Ausgang von einer kunsthistorisch gesicherten Plattform und bedient und perpetuiert sie (Städel, Speck von Sternburg). Diesem Fortschreiben der Sammlungsideale steht ein konträr agierender Sammlertypus gegenüber, der die Zeichen der Zeit erkennt und der neue Türen öffnet, indem er die Sammelwürdigkeit von Objekten erkennt, die zuvor keinen Markt- oder Prestigewert hatten (Boisserée, Schnütgen, Hirsch, Schäfer). Bereits nach einer Generation gilt dieser Wert allerdings meistens als etabliert und parallel mit diesem Prozess der Vereinnahmung schwindet die Erinnerung daran, aus wie vielen individuellen "Schatzhäusern" des kulturellen Gedächtnisses sich die öffentlichen Sammlungen zusammensetzen.

Eine für die den betrachteten Zeitraum charakteristische Komponente stellen das soziale Prestige und der kulturelle Einfluss dar, die man sich mit der Sammeltätigkeit erwerben konnte und kann. Diese Facette vertritt Peter Ludwig, der sich in mehrfacher Hinsicht als Vertreter eines neuartigen Sammlertyps erwies. Nachdem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts viele glanzvolle und traditionelle Sammlungen aus politischen Gründen zerschlagen oder aufgelöst wurden, ergaben sich nach 1945 aus der politisch erzwungenen Umschichtung des Kunstbesitzes wie auch aus den künstlerischen und geschmacklichen Zäsuren zahlreiche neue Impulse des Sammelns, die nicht nur die zeitgenössische Kunst betrafen. Die Überführung einer privaten Sammlung in eine öffentliche Stiftung ist ein probater Weg, um neue künstlerische Orientierungen und sammlerische Konzepte zu präsentieren und zu etablieren. Ein Sammler kann eher gegen den Strom schwimmen als ein Museumsdirektor. Das Phänomen Ludwig machte deutlich, welche Rolle der private Sammler für die Strukturierung des kulturellen Gedächtnisses einer Epoche spielen kann.

Die Annahme, daß die Dokumentation für die Sammlungen des 19. und 20. Jahrhunderts reichlicher sind als für alte Sammlungen, bestätigte sich leider und erstaunlicherweise nicht. Die Quellenlage und die Voraussetzungen für brauchbare Dokumentationen der Sammlertätigkeit im 19. und 20. Jahrhundert sind keineswegs so ideal wie man es aufgrund der geringeren historischen Distanz zum Bearbeitungszeitpunkt erwarten würde.

Als didaktisches Ergebnis des Seminars ist diese über die Homepage des Instituts für Kunstgeschichte abrufbare Dokumentation entstanden, die von Teilnehmern des Seminars erarbeitet wurde. Einige der Referenten haben sich dazu bereit erklärt, die Resümees ihrer schriftlichen Hausarbeiten für diese Vorstellung eines institutsinternen Arbeitsvorhabens zur Verfügung zu stellen. Für andere wurde das Seminar zum Ausgangspunkt von Magisterarbeiten, die entweder bereits abgeschlossen oder noch in Arbeit sind.

München, den 31. Juli 2001 

Prof. Dr. Steffi Roettgen


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Die Präsentation ging aus dem Hauptseminar "Große Privatsammlungen des 19. und 20. Jahrhunderts -Bestände und Geschichte" hervor, das Frau Prof. Dr. Steffi Roettgen im Sommersemester am Institut für Kunstgeschichte der LMU München mit einer Gruppe von 15 Studierenden des Hauptstudiums durchgeführt hat.

Verantwortlich für Konzept, Realisation und Gestaltung ist Danica Krunic.

Letztes Update: November 2005

 

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