Parallelwelten

In dem Moment, da ihre Hände meine neue kupferne Bleibe umschlossen, kehrte ein Fünkchen Hoffnung in mein Herz zurück. Sollte etwa doch noch nicht alles zu Ende sein? Blitzartig überfielen mich die schmerzhaften Erinnerungen an die vergangenen Tage, die mich zweifeln ließen. Zweifeln an dem, was ich war und wozu meine Art bestimmt war. Doch ihre zärtlichen Worte holten mich in die Gegenwart zurück – die zärtlichen Worte, die sie sprach, während ihre Finger sanft um die Rundungen des rötlich schimmernden Gefäßes strichen, das meinem Geist kaum genug Raum zur Entfaltung bot.

»Giulio, mein geliebter Giulio! Du warst die große Liebe meines Lebens. Durch Dich erst habe ich verstanden, dass wahre Liebe auch zu einem Wesen von anderer Gestalt so außergewöhnlich stark sein kann. Was ist nur passiert? Ich vermisse Dich so sehr. Deine sanften braunen Augen, die ein Leben lang mit unwiderstehlicher Energie meine Aufmerksamkeit gefesselt haben – und mir eine ganz andere, neue Welt eröffneten. All die Jahre habe ich die verborgene Bedeutung Deiner Blicke nicht erkannt, doch jetzt sehne ich mich so sehr nach diesen Momenten mit ihrer ganz besonderen Liebe und Herzlichkeit zurück. Wenn ich Dir doch nur hätte helfen können! Aber es war schon zu spät.«

Ich spürte, wie ihre warmen, salzigen Tränen auf der Außenseite meines runden Gefängnisses herab rannen. Und ich erschrak über den Schmerz, den mein Tod bei ihr verursachte. Ich verspürte den Impuls, meine Schnauze an ihre Schulter zu legen und sie zu trösten. Aber die verdammten Wände dieses Kruges ließen mich nicht zu ihr. Wie gerne hätte ich noch ein letztes Mal meinen Kopf zum Kraulen zwischen ihre Fingerspitzen geschoben und all ihr Leid auf mich genommen!

 

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In dem Moment, da ihre Hände meine neue kupferne Bleibe umschlossen, kehrte ein Fünkchen Hoffnung in mein Herz zurück. Sollte etwa doch noch nicht alles zu Ende sein?