Bedeutungswandel und Störungen des Italienmythos
Seit dem 17. Jahrhundert galt es als Privileg der jungen adligen Elite aus dem Norden, auf einer Bildungsreise durchs sonnige Italien das Wissen zu erweitern und Weltkenntnis zu erwerben. Auf diesen „Kavalierstouren“ absolvierte man ein Ausbildungsprogramm, das zu den klassischen antiken Stätten, Kunstschätzen und Denkmälern führte. Obligatorisch waren etwa die Stationen Rom, Neapel, Pompeji, Vesuv und Paestum. Es fand eine enzyklopädische Italienreise statt, die ein humanistisch vermitteltes Italienbild mit realistisch-konkreten Impressionen konfrontieren, ergänzen und verlebendigen sollte. Als Schlüsseltext dieser Zeit gilt Johann Caspar Goethes in italienischer Sprache geschriebenes »Viaggio in Italia« (1740).
Dabei war Italiens klassische Antike anfangs nur ein Surrogat: Sie empfahl sich Winckelmann (~ 1755), da Italien leichter zugänglich war als Griechenland. Von da an entdeckte jede Epoche Italien neu. So entstanden immer neue Italienbilder, die den jeweils vorhergehenden polemisch, meist kontrovers gegenübergestellt wurden. Aber auch in den einzelnen Epochen ist die Rezeption des Italienbildes durchaus ambivalent. Dieser Bedeutungswandel des Italienmythos soll im Folgenden untersucht werden.
Die Italienwahrnehmung war in den letzten Jahrhunderten, von der Grande Tour der Barockzeit über Johann Caspar Goethe und Herder bis hin zu Goethes Italienischer Reise gravierenden Veränderungen unterworfen. Mit Johann Wolfgang Goethe erlebte das deutsche Italienbild eine starke Ästhetisierung, im etymologischen Sinne. Bei Goethes Zeitgenossen Seume überwog hingegen die kritische Auseinandersetzung mit sozialen und politischen Aspekten. Die Romantiker stellten das schwärmerisch-christliche Motiv in den Vordergrund, bis Heine wieder eine deutlich politisch geprägte Sichtweise etablierte.
Bei der Betrachtung der veränderten Wahrnehmungsparadigmen - wie deutsche Dichter in Italien reisten, was sie wahrnahmen und wie diese Erfahrung sich auf ihr schriftstellerisches Werk ausgewirkte - spielen verschiedene Faktoren eine Rolle:
- die fortwährende Veränderung des Wahrnehmungsgegenstandes Italiens (politische Zerrissenheit),
- die Art und Weise der Fortbewegung,
- die Wahl der Orte und Regionen,
- die persönliche Verfasstheit,
- die Mentalität und augenblickliche Stimmung und
- die Motivation des Autors für die Reise - aus persönlichen oder beruflichen Gründen?
Beginnen wir mit der Wahl der Orte und Regionen: Je nach dem, welche Städte der Reisende besucht, erhält er eine differenzierte kulturelle Ansicht Italiens. Grimm spricht hierbei von „regional bedingt voneinander abweichende[n] Italienbilder[n] (D.K.)“[1]
Ausschlaggebend für die Wahl der Orte sind die Motive, die den Reisenden nach Italien locken. In den jahrhundertealten Beziehungen zwischen Deutschland und Italien haben sich eine Vielzahl von Anlässen und Gründen für eine Reise nach Italien ergeben. Zunächst waren es
- politische,
- wirtschaftliche und
- religiöse Gründe;
später kamen
- künstlerische,
- existentielle und
- touristische Argumente hinzu.
Drei Motive bilden die Hauptmotivation: Italien ist das Land der
- Geschichte,
- Natur,
- Schönheit,
- Kunst und der
- gefährlichen Verlockungen.
In den Städten lassen sich Geschichte und Kunst Italiens in besonders konzentrierter Form erleben, so dass insbesondere vier Städte die größte Anziehungskraft auf die Italienreisenden ausübten:
- Venedig
- Florenz
- Neapel
- Rom.
Venedig besticht durch seine eigentümliche geographische Lage. Venedig ist Märchenstadt, Stadt des Traumes und des Todes. Sie verbindet Schönheit und Untergang.
Florenz rückte erst im 19. Jhd. Mit der Wiederentdeckung der Renaissance in den Vordergrund der Italienreisenden.
Neapel: Im Süden Italiens suchten die Deutschen die freie Ungebundenheit, heitere Geselligkeit und das übersprudelnde Temperament der Südländer. Auch ging es um die Schönheit der Landschaft – nicht wegen der Stadt selbst.
Rom: Fast alle Reisenden haben Rom als Ziel oder Höhepunkt. Vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert hinein übte das facettenreiche Bild der Stadt eine kontinuierliche Faszination aus und war die meistbesuchte Stadt Europas. Rom als beherrschendes Kunstzentrum besaß für Künstler, Gelehrte und bildungsbeflissene Aristokraten eine magnetische Anziehungskraft.