Mit dem Begriff "Goethezeit" umfassen wir ein Zeitalter der deutschen Geistesgeschichte, das sich zwischen den Jahren 1770 und 1830 erstreckt. Es ist eine Epoche der geistesgeschichtlichen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Umbrüche, die ihren Ausdruck in einer Vielfalt geistiger und künstlerischer Richtungen fand: Philosophie, Literatur, Musik und die bildende Kunst dieser Zeit reflektierten die einschneidenden gesellschaftlichen Veränderungen.
Die geistige Leitfigur dieser Zeit ist Johann Wolfgang von GOETHE. Nach ihm benannte der Leipziger Germanist Hermann August KORFF diese Zeitspanne als „Goethezeit“. [1] Der Gebrauch des Begriffs ist jedoch nicht unumstritten. Er scheint seinen Akzent zu ausschließlich auf die Dichtung zu legen. Die Goethezeit ist jedoch ebensosehr die Blütezeit der deutschen Philosophie, der Musik und der Bildenden Kunst. In dieser Zeit gehören die einzelnen Künste und Wissensgebiete sehr eng zusammen. So ist beispielsweise die Dichtung dieser Zeit Ideendichtung, die gleichzeitig Philosophie und auch Kunstphilosophie gewesen ist. Und das Charakteristikum der literarischen Werke dieser Zeit ist die Thematisierung der Trennung der Künste einerseits und der synästhetischen Grenzerweiterung der Literatur auf die Musik und die Bildenden Künste hin andererseits. Das ästhetische Denken der Goethezeit zielt auf die Ganzheit ab, also auch auf die untrennbare Zusammengehörigkeit von Literatur, Musik und den Bildenden Künsten.
Bei den geistesgeschichtlichen Entwicklungen der Jahre 1770 bis 1830 handelt es sich keineswegs um einen linearen Prozess. Vielmehr überschnitten sich die geistigen Bewegungen, bereicherten sich gegenseitig oder setzten sich von zuvor herrschenden Strömungen mit einem entgegengesetzten Programm oder Kunstkonzeption deutlich ab. So beginnt die Goethezeit nach der Überwindung der dem Mittelalter zugrundeliegenden Religiösität mit dem Aufkommen eines subjektivistischen Lebensgefühls, bricht zum Pantheismus durch und endet schließlich als zutiefst religiöse Bewegung.
Viele geistige Bewegungen drängen sich in diesen Zeitraum:
- der Irrationalismus des Sturm und Drang,
- die Reife und Gesetzlichkeit des klassischen idealismus,
- die volle Entfaltung des Humanitätsgedankens,
- das geistige Entdeckertum der frühen Romantik,
- die religiös-nationale Phantasie der späten Romantiker etc.
Die sich durch die Goethezeit hindurch entwickelnden Grundthemen sind:
- der Humanitätstraum des gebildeten Bürgertums,
- die Durchdenkung, Vertiefung und Überwindung des Subjektivismus,
- die philosphische Umbildung der Religion und
- die Erhebung der Kunst zur höchsten aller Religionen
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[1] Hermann August KORFF: Geist der Goethezeit: Versuch einer ideellen Entwicklung der klassisch-romantischen Literaturgeschichte. 5 Bände, Leipzig 1923-1957.