Italienbild
Bisher hatte die Italienreise den Zweck sich allumfassend zu bilden und um möglichst viele Kunst- und Bauwerke zu sehen und kennen zu lernen. Heinse war der erste Italienreisende, der auch Augen für die Schönheiten der italienischen Landschaft und für die Sitten und Gebräuche der Bevölkerung hatte. Im Gegensatz zur ethisch-rationalen Wahrnehmung der Aufklärer idealisiert Heinse den sinnlichen Reiz der mediterranen Landschaft und zeichnet den Übergang zum Naturenthusiasmus und zur Kunstschwärmerei. Mit Heinse beginnt die lange Tradition der Italiensehnsucht.
Mit Heinse setzt auch die Tradition ein „Italien“ als ein Wunsch und Gegenbild zur Enge deutscher Verhältnisse zu sehen. Denn bisher galten Deutschland und Italien als zueinander analoge Länder, die sich komplementär ergänzten. Man erkannte Italiens eigene Identität nicht an, da es nur als Ersatz für das schwerer zugängliche Griechenland fungierte.
Heinses Italienbild ist gerade in ihrer „Vielschichtigkeit eine singuläre Erscheinung seiner Zeit“[1]. Seine Italienwahrnehmung ist durchwegs sensualistisch geprägt. „Die Wahrnehmung geht bei ihm mit allen Sinnen vor sich. Kein Hauch langweilig-trockenen Katalogisierens wie bei Lessing, kein Schimmer vornehmer Blasiertheit, wie bei manchen der damaligen Kavaliers- und Gelehrtenreisenden, aber auch kein Drang zur klassizistischen Überhöhung wie bei Goethe. Heinse konzentriert sich ganz auf Kunst und Natur“[2]
An den Italienern bewundert er „Schönheit, Lebendigkeit und eine gewisse anmutsvolle Natürlichkeit“[3]
Der unstillbare Wunsch, nach Italien zu reisen und sich aus den Zwängen deutscher Zivilisation zu befreien, regte Heinse an, sich gründlich auf das Land, auf die italienische Kunst und Wissenschaft vorzubereiten sowie die italienische Sprache zu erlernen.
Im Juni 1780 gelang es Heinse endlich, seine 3 Jahre dauernde Reise nach Italien anzutreten. Die Freundschaft Jacobis und literarische Aufträge (wie die Übersetzung des Tasso) ermöglichten ihm ein bescheidenes Einkommen. Mit einem Minimum an Gepäck machte er sich zunächst mit der Postkutsche, dann aber fast durchweg zu Fuß, auf die Reise. Briefe an Gleim und Jacobi, sowie seine Tagebuchaufzeichnungen lassen uns die Hauptstationen seines Weges miterleben.
Rezeption Italiens im dichterischen Werk: »Ardinghello und die glückseligen Inseln« (1787)
„Italien” bedeutet für Heinse die „südliche Idylle” = „Arkadienmythos” also, das „irdische Paradies”, in das er sich aus den Fesseln der zivilisierten deutschen Enge und der finanziellen Misere herausretten kann. In Italien glaubt er, die Reinheit der Natur und die Schönheit des Menschen am Vollkommensten anzutreffen, sodaß er seine wesensverwandten natürlichen Leidenschaften hier offen und unverfälscht ausleben kann. Diese Hochstilisierung der italienischen „Naturtreue” und der „Natürlichkeit” empfindet Heinse als die Grundlage zur Schöpfung vollkommener Kunstwerke. Daneben erfährt er aber auch den „Schmerz der Desillusionierung (s)eines [D.K.] phantastischen Idealbildes durch die Realität”[1].
Dieses „Ringen um das »Wahre und Wirkliche« in der Spannung zwischen Bildung und Belesenheit auf der einen, dem unbedingten Willen zur Naturwahrheit auf der anderen Seite”[2] ziehen sich durch das gesamte Werk und spiegeln die „typische Konstitution des deutschen Literaten”[3] am Ende des 18. Jahrhunderts wieder.
Im Gegensatz zu Goethes geistig orientierter Wahrnehmung gestaltet sich Heinses Erleben über die Sinne: empfindsame Italienwahrnehmung.
Einen unmittelbaren Einblick in Heinses Italienwahrnehmung geben sein Tagebuch einer Reise nach Italien und der Künstlerroman Ardinghello.
Ein weiteres Novum des Ardinghello sind die Hinweise auf die „nationalen und klimatischen Eigentümlichkeiten, die die Entwicklung der Kunst bedingten“[1]. In den „Bann der Ästhetik des Natur-Erhabenen“ gezogen, idealisiert Heinse ganz in der Tradition der Rousseauschen Kulturkritik die Natur und insbesondere die Alpen zu einem Ort der ästhetischen wie ethischen Erziehung des Menschen. [2] [Zum Textbeispiel]
Die „ideale, sinnliche Welt der schönen südlichen Natur und des schönen südlichen Menschen, d. h. in der italienischen Renaissance“ ermöglicht die „Einswerdung des Geistes mit der Natur“[3].
Der Literaturhistoriker Baeumer sieht die eigentliche Bedeutung des Werkes darin, dass Heinse versuche, den ästhetischen Diskurs des 18. Jahrhunderts mit dem der Antike zu verbinden. So gelänge es dem Autor,
„mit Hilfe des sorgfältig studierten Milieus und Menschenbildes der Renaissance und ihrer Kunst ein neues, sensualistisches Bild der Antike herzustellen, das, neben und im Gegensatz zur klassischen Auffassung Winckelmanns, Goethes und Schillers, für die Zukunft eine naturromantische, dionysische Anschauung von der Antike begründete“[1].
Heinse zeichnet ein bis dahin noch nicht bekanntes Bild der italienischen Renaissance:
„Er erfasst die dort sich offenbarende neue Gesinnung, die einem anders gearteten Lebensgefühl entspricht, als Ausdruck des Menschen der Renaissance, der, jenseits ethisch-moralischer Bindungen, ganz ästhetisch eingestellt ist und nur der Ausformung der eigenen Persönlichkeit lebt, rücksichtslos dies Ziel verfolgend im Bewußtsein seiner geistigen Macht und seines Edelwertes“[2].
Der Roman Ardinghello führt uns exakt durch die Schauplätze von Heinses Italienreise. Er vereinigt den Widerspruch der Sehnsucht nach dem „großen freien Leben unter dem glücklicheren Himmel Italiens und Griechenlands [...] und die Einsicht in die Vergeblichkeit derartiger Wunschträume “[1].
Die Handlung des Romans besteht vor allem aus wertenden Gesprächen über die Kunst, hauptsächlich über die Malerei, und aus ästhetischen Theorien und Betrachtungen über die Natur und die natürliche Schönheit des Menschen, die in einer Apologie des Naturpantheismus gipfeln. Hinzu kommen „theoretische Spekulationen über den Staat“ und Ereignisse von „Raubüberfällen und Liebeshändeln“.
Den Protagonisten stellt der junge Florentiner Ardinghello Frescobaldo dar, der im Briefwechsel mit dem edlen Venezianer Benedikt, dem er das Leben gerettet hat, selbstreflexiv über seine Abenteuer, Liebeserlebnisse und Ansichten spricht.
Ardinghello ist aufgeteilt in zwei Bände, und die wiederum jeweils in fünf Teile. Der erste Band enthält die Elemente einer typischen Renaissancegeschichte: Er erzählt von einer heimlichen Liebesgeschichte und damit verbundener Rache. Dazu entwickelt Heinse ausgedehnte Natur- und Kunstbetrachtungen sowie inszenierte Gespräche vor dem Hintergrund von Plinius, Vasari, Michelangelo, Raffael, Lessing und Winckelmann. Die Handlung fällt immer mehr auseinander und dreht sich zusehends um das farbige, genussfrohe Leben eines in Liebe, Natur und Kunst schwelgenden „Genies“, wie es nur unter den Gegebenheiten der italienischen Atmosphäre möglich sei.
Der zweite Band entwickelt Thesen zur Metaphysik und zum Pantheismus und gipfelt in der Gründung einer Republik auf zwei Inseln im Ägäischen Meer, die die Verwirklichung von Freiheit und Menschenwürde ermöglicht: individueller Besitz und Ehe sind abgeschafft, Frauen haben Stimmrecht, es herrscht völlige Gleichberechtigung in sozialer und politischer Hinsicht. Heinse versetzt also den politischen Rahmen nach Griechenland, in das Geburtsland unserer Demokratie. Wahrscheinlich, weil Italien seinerzeit politisch zerrissen war und somit keine Vorbildfunktion erfüllen konnte.
Seit Ardinghellos Aufenthalt in Florenz verflacht sein Charakter immer mehr: er verliert seine Individualität. Andere Persönlichkeiten treten nun in den Vordergrund: der Grieche Demetri oder Fiordimona. In demselben Maße, wie Ardinghello in den Hintergrund tritt, fesseln immer mehr die politischen und kunstwissenschaftlichen Betrachtungen sowie das verstärkte Interesse an der griechischen Antike, die immer wieder als Vergleich für die Urteile über die Kunst herangezogen werden.