Nutzung der Neuen Medien in den Geisteswissenschaften -
Wissensorganisation, Wissensaufbereitung und Wissensvermittlung der Zukunft
Der Gebrauch der Neuen Medien bietet den Geisteswissenschaften neue Impulse in Forschung und Lehre. In den letzten Jahren haben sich die technischen Möglichkeiten der Wissensvermittlung im Internet, Konzepte der digitalen Präsentation und der Vermittlung von Literatur und Bildender Kunst sowie multimediales Lernen und E-Learning mit großen Schritten weiterentwickelt. Mittlerweile hat das Internet das Potential eines großen Wissenschaftsforums, in dem Wissenschaftler und Forschungsinstitutionen die Ergebnisse ihrer Projekte global erreichbar darstellen und diskutieren. Aber aufgrund des dynamischen Wachstums des Internets und einer fehlenden zentralen Instanz, welche die Qualität der Informationen kontrolliert, ist es schwierig, sich in diesem Informationschaos zurechtzufinden. Was fehlt, ist der Zugang zu zuverlässig ausgewählten und professionell aufbereiteten Datenbeständen der Geisteswissenschaften. Ein fachlich geleitetes Online-Portal hingegen kann als zentrale Anlaufstelle dienen, indem es das Wissen evaluiert und die Angebote in einem weltweiten „Wissensnetzwerk“ mit einem vertikal voll erschlossenen „Wissensarchiv“, zusammenführt.
Problemexposition
Mit dem Wandel zur Informations- und Wissensgesellschaft werden neue Anforderungen an die Wissensorganisation und -vermittlung gestellt. Gegenwärtig besteht die Konfliktsituation: „Informationsüberflutung” vs. "Informationsmangel”
- Einer stetig wachsenden Informationsfülle steht ein erschwerter Zugriff auf die Wissensressourcen gegenüber.
- Die Folge ist, dass der Überblick über den aktuellen Forschungsstand erschwert wird. Eine ähnliche Entwicklung ist auf dem Gebiet der Kultur zu beobachten.
- Dieser Konflikt verlangt nach neuen Methoden der Fachkommunikation und der Kulturvermittlung.
1. Zentrale Fragestellung
Welche Methode, welche Strategie eignet sich für einen zeitgerechten Umgang mit den geisteswissenschaftlichen Informationen und dem Kulturgut?
2. Lösungsvorschlag
Ein interessanter Lösungsansatz zur Bewältigung der angesprochenen Konfliktsituation liegt dem Einsatz informationstechnologisch gestützter Systeme im Internet zugrunde.
- Das Internet als Medium der Wissensverwaltung ermöglicht neue Formen der Fach- und Kulturkommunikation.
- Alle Phasen des wissenschaftlichen Forschungsablaufs und der Kulturvermittlung – Kommunikation, Produktion, Präsentation und Rezeption – werden durch den Einsatz des Internets erleichtert und beschleunigt.
- Das Internet hat das Potential eines großen Wissenschafts- und Kulturforums, in dem Wissenschaftler, Forschungsinstitutionen und Kulturorganisationen die Ergebnisse ihrer Projekte und Initiativen global erreichbar darstellen und diskutieren können.
- Dieser voluminöse Daten- und Wissensspeicher ist als zukünftige Basis für die wissenschaftliche Forschungsarbeit und Kulturvermittlung zu betrachten.
3. Problematik
Kritik am Einsatz der Neuen Medien im Umgang mit den Wissensressourcen:
- Dynamisches Wachstum des Internets und fehlende zentrale Instanz zur Qualitätskontrolle
- „dysfunktionales Informationschaos“: „information overload“
- Zustand der Orientierungslosigkeit
4. Erweiterte Fragestellung
Wie kann man den genannten Defiziten des Internets entgegenwirken und dem zunehmenden Wunsch nach Orientierungshilfen und Recherchequalität nachkommen?
5. Erweiterter Lösungsvorschlag
Die Komplexität der Informationsstrukturen im Internet verlangt nach neuen Wegen der Selektion und Darstellung. Was fehlt, ist eine zentrale Anlaufstelle, die hochwertige Informationen zuverlässig erschließt und verfügbar macht.
- Eine solche ist das internetbasierte Portal
6. Darstellung der spezifischen Vorteile eines internetbasierten
Portals gegenüber den konventionellen Medien
6.1 Das Portal als Kommunikationsort
- Als Kommunikationsnetzwerk eröffnet das Portal neue Möglichkeiten, um effektiver und ökonomischer miteinander zu kommunizieren und Informationen auszutauschen.
- Es fördert den interdisziplinären wie auch den interkulturellen Dialog, den Austausch und die Zusammenarbeit.
- (Vor-)Selektion potentieller Kommunikationspartner zu demselben Themenbereich
- Community-Gedanke
6.2 Das Portal als Informationsquelle
- In seiner Funktion als zentraler Knotenpunkt erschließt es das enorme Wissen, filtert aus der Informationsflut die relevanten Informationsquellen und Materialien heraus, führt sie systematisch zusammen, bereitet sie nutzerspezifisch auf und macht sie öffentlich zugänglich.
- In virtuellen Informationsräumen lassen sich bisher getrennte, dezentral verwaltete Informationen zusammenführen, um real eine von einem lokalen Punkt aus zugängliche breitere Informationsbasis zu schaffen.
- zeitökonomische Nutzung
- Archivierbarkeit und Bearbeitung großer Datenmengen
- weltweite Vernetzung der Informationsquellen: internationale Zusammenarbeit von Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen
6.3 Das Portal als Forschungsinstrument
Aus der Digitalisierung geisteswissenschaftlicher Informationen und den sich daraus ergebenden neuen Darstellungsformen von Wissen ergeben sich vielseitige mediendidaktische Vorteile. Neben den traditionellen deduktiven und induktiven Arbeitsformen kommen nun auch multiperspektivische sowie interaktive Formen der Wissensaufnahme und -generierung hinzu.Die dem Internet zugrunde liegende Hypertextstruktur durchbricht die traditionelle lineare Textstruktur und ermöglicht so logische, inhaltlich zusammenhängende Verknüpfungen zu anderen digitalisierten Texten. Auf diese Weise schafft die Hypertextstruktur Schnittstellen und stellt Anschlüsse zu anderen Wissensgebieten her, wie sie im Medium des Buchdrucks nur bedingt möglich sind. Darüber hinaus ermöglicht die mediale Grundstruktur des Internets eine integrative Darstellung von Text-, Bild- und Tonkomponenten. Dadurch eröffnen sich insbesondere in den Literaturwissenschaften neue Fragestellungen und Forschungszweige:
- unterstützt den interdisziplinären Forschungsansatz
- unterstützt den interkulturellen Forschungsansatz
- unterstützt den intertextuellen Forschungsansatz
- unterstützt den medientheoretischen Forschungsansatz
- Netzliteratur
Aber auch die Kunstgeschichte erfährt durch die Digitalisierung der Kunstwerke neue Formen der Forschung und Analyse. Die Kunstgeschichte nimmt sogar einen besonderen Rang ein, weil sie sich mit visuell wahrnehmbaren Gegenständen beschäftigt und daher die multimedialen Potentiale auf eigene Weise nutzen kann. Neben der einfachen Reproduzierbarkeit der Kunstwerke und ihrer Erschließung in Datenbanken sind folgende Aspekte für die Kunstwissenschaften von besonderem Interesse:
- Entwurf virtueller Architekturmodelle zur Simulierung oder Rekonstruktion beschädigter Gebäude
- Virtuelle Rekonstruktion künstlerisch ausgestatteter Räume
- Virtuelle Reproduktionen von Skulpturen, um Torsi, die nur noch als Fragmente erhalten sind, zu ergänzen und um Bewegungsrichtungen zu simulieren
- Neben der einfachen und genauen Bildreproduktion entwickeln sich neue Formen der multimedialen Bildanalyse
- Museen erhalten durch die neuen Medien neue Erschließungstechniken
- Netzkunst
6.4 Das Portal als Publikationsort
Als Publikationsorgan ermöglicht es der Fachwelt, die Forschungsergebnisse einer breiteren Öffentlichkeit schneller zugänglich zu machen.
7. Exemplarische Umsetzung des Lösungsvorschlags:
das Goethezeitportal (www.goethezeitportal.de)
Als praktisches Beispiel eines solchen funktionellen Instruments innovativer Wissensaufbereitung und Wissensvermittlung, das gleichermaßen die Geisteswissenschaften wie auch die Kulturvermittlung unterstützt, wurde das Goethezeitportal entwickelt.
Was ist das Goethezeitportal?
- Das Goethezeitportal ist ein Internetfenster, das einen Einblick in eine der bedeutendsten Phasen der deutschen Geistesgeschichte gibt: Die Goethezeit.
- Es ist ein multimediales Netzwerk und eine Schnittstelle zwischen den einzelnen Wissenschaften, zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit zwischen Wissenschaft und Kulturvermittlung.
- Es gliedert sich in ein Kultur- und ein Fachportal.
- Gebildet wird das Goethezeitportal von einem speziellen Kommunikationsnetzwerk, einem virtuellen Informationszentrum, einer experimentellen Wissensdatenbank und einer umfassenden Publikationsplattform.
- Neben eigenen Inhalten werden bereits vorhandene Informationssysteme und Datenbestände wie themenspezifische Verzeichnisse, Datenbanken und Bildarchive in das Netzwerk dezentral eingebunden.
- Vorbild für das Goethezeitportal: Victorian Web (George P. Landow)
- Bedeutung des deutschen Geistesleben dieser Epoche
- Neues erkenntnistheoretisches Potential durch Umsetzung der Ideen der Goethezeit mittels der neuen Medien: Dank Hypertextstruktur und Multimedialität ist es erstmals möglich, das künstlerische Programm der Goethezeit angemessen zu realisieren.
- Konzepte der Multi-, Hyper- und Intermedialität durchbrechen die starren Grenzen eines linearen Textkörpers, vereinigen Text-, Bild- und Klangformen und machen sie für neue multisensorische Erfahrungs- und Wahrnehmungsräume durchlässig.
Dr. Danica Krunic