Wie ich Bruno Kreisky einmal Johannes Rau erklärte
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Hermann Schulz
Wie ich Bruno Kreisky einmal Johannes Rau erklärte

Der Verleger und Schriftsteller Hermann Schulz spricht über den Altbundespräsidenten Johannes Rau anlässlich seines 75. Geburtstages.

 

Es war Anfang der 80er Jahre, als ich in München ganz gegen meine sonstige Gewohnheit mit einem Regierungschef, dem damaligen österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky, im Restaurant Käfer zu Abend aß. Zusammengeführt hatten uns die Tatsache, dass wir den gleichen Zahnarzt hatten. Dr. Horst Engler-Hamm hatte uns eingeladen. Herr Käfer ließ es sich nicht nehmen, uns persönlich zu begrüßen, was für einen Verleger aus Wuppertal nicht gerade zu den Alltagserfahrungen gehört.

Kreisky hatte während des SPD-Parteitages in München eine Rede von Johannes Rau gehört und war sehr angetan davon. Im Laufe unserer Gespräche erklärte er, dass solche politische Begabungen wie Johannes Rau in Österreich und Europa eine Seltenheit wären.

"Dass ein großartiger und kluger Politiker Humor hat, ist selten; dass einer die Witze an der richtigen Stelle macht, ist noch seltener. Dass einer wie Rau sogar die Bibel einbeziehen kann, ohne dass es peinlich wird, ist einmalig. Da steckt Poesie und ehrlicher Glaube drin."

Kreisky wollte mehr über den Hintergrund des in seinen Augen noch jungen Politikers Rau wissen. Ich erzählte ein paar persönliche Erfahrungen, so auch, dass Raus Mutter Helene, als ihr Sohn schon Wissenschaftsminister und ich Verlagsleiter war, jährlich im November bei mir fünf Exemplare der "Herrnhuter Losungen' bestellte, und ich sie der alten Dame jeweils persönlich brachte. Zum Dank erhielt ich regelmäßig eine Orange.

Ich gab auch einige Anekdoten zum Besten, um die besonderen, nicht von allen geliebten Ausprägungen des Wuppertaler Protestantismus zu verdeutlichen, und dass Rau nicht selten mit Freunden in seinem Verlagsbüro leidenschaftlich Lieder aus dem "Reichsliederbuch" (ein früher weitverbreitetes pietistisches Gesangbuch) sang. Auswendig, versteht sich. Er sang nicht etwa, um sich und seine Autoren zu erbauen, sondern aus Freude an der unvergleichlichen, von manchen für einfaltig gehaltenen Poesie dieser musikalischen Jesusverehrung, die in Wuppertal zur Volkskultur gehört.

Ich zitierte das Liedchen "Sterbend ein armer Zigeunerknab lag, ihm ward die Botschaft von Jesus gebracht . . ." Ich kannte es von Rau. Wären wir nicht in einem öffentlichen Lokal gewesen, hätte ich Kreisky sicher dieses Lied vorsingen müssen. Davon blieb ich verschont. Kreisky bemerkte schließlich, ihm sei Protestantismus immer erdenschwer und griesgrämig vorgekommen; das Beispiel Rau versöhne ihn irgendwie mit dieser ihm bisher sehr suspekten Religionskultur.

Dass ich nie dazu gekommen bin, Rau diese Begebenheit zu erzählen, mag daran liegen, dass es bei unseren Begegnungen, die in seinen Jahren als Ministerpräsident oder Bundespräsident seltener wurden, viel Persönliches, Familiäres und Vertrautes zu besprechen gab. Er interessiert sich für Menschen; nicht aus taktischem Kalkül, sondern weil er eine besondere Begabung für Freundschaft hat und sie über Jahrzehnte pflegt. Er ist nicht nur als politische Kraft eine Ausnahmeerscheinung, sondern auch als als Mensch, der nie vergisst, Freundschaften mit Briefen, Anrufen und Besuchen zu pflegen.

Dazu kommt sein phänomenales Gedächtnis. Er nahm als Wuppertaler Oberbürgermeister an einer kleinen Feierstunde für den Komponisten Gustav Adolf Uthmann teil. Nach seiner Rede ging er auf einen älteren Herrn im Publikum zu: "Sind sie nicht der Herr xy? Wohnen Sie nicht da oder da? Sagen Sie mal, hat Ihre Mutter immer noch Probleme mit dem offenen Bein?"

Solches Interesse am persönlichen Ergehen von Menschen aus allen Bevölkerungsschichten in allen möglichen Gegenden Deutschlands hat ihn für Tausende unvergesslich werden lassen, sie getröstet und auch stolz gemacht. Bei ihm war es nie populistische Garnierung seiner Politikerkarriere. Anteilnahme gehört zu seinem Wesen, zu seiner Glaubwürdigkeit. Das hat ihm den halb spöttisch, halb anerkennend gemeinten Titel "Bruder Johannes" eingebracht.

Als er mich 1960 im Peter Hammer Verlag einstellte, verlangte er, ich müsse mich für mindestens zwei Jahre verpflichten. Ich zögerte, so lange im frommen Tal zu bleiben. Daraus sind über 40 Jahre Wuppertal geworden. Vielleicht, weil mir mit Rau eine Art von Protestantismus und Menschlichkeit begegnete, die mir ein neues, umfassendes Heimatgefühl vermittelte. Er hatte von mir eine Verpflichtung von zwei Jahren gefordert. Er selbst hat in seinem Leben Verpflichtungen übernommen, die für ihn nie ein Limit hatten.

Wuppertal, den 16. Januar 2006
Hermann Schulz

 


HERMANN SCHULZ
Hermann Schulz ist Verleger und Schriftsteller. Er leitete den Wuppertaler Jugenddienst-Verlag und den Peter Hammer Verlag von 1967 bis 2001. Seit 1998 hat er mehr als zehn Romane, Sach-und Kinderbücher veröffentlicht. Er lernte Johannes Rau im Jahr 1958 kennen. Im Jahr 1960 wurde der gelernte Sortimentsbuchhändler vom Niederrhein beim Jugenddienst-Verlag angestellt. Rau war damals sein Vorgesetzter.

Gemeinsam entwickelten sie die Verlagsprogramme. So erschien in dem Verlag 1967 der damals völlig unbekannte Ernesto Cardenal. Als Rau im Jahr 1969 die Politik zu seinem Hauptberuf machte, schlug er Schulz als seinen Nachfolger an der Verlagsspitze vor.

Erstpublikation dieses Artikels in der Westdeutschen Zeitung

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