Mit 24 galt er als die große Hoffnung der deutschen Literatur: Bernhards Schlingenwachs' Kurzgeschichtensammlung "Bei aller Nähe zu fern", erschienen 1973, verkaufte sich drei Millionen mal und wurde in 24 Sprachen übersetzt. Dann aber kam eine große Pause. 30 Jahre lang arbeitete Schlingenwachs an seinem Opus magnum, einem Roman, der mal als "Nacktszene" angekündigt wurde und mal als "Preview der Dämonen". Vier mal wechselte er den Verlag, Vorabdrucke im "Spiegel" sorgten für Furore, wegen ihrer Unvereinbarkeit aber auch für Irritation - hatte dieser Roman etwa acht verschiedene Helden? Er hat. Vor einem halben Jahr erschein das inzwischen fast sagenumwobene Werk, und bei der Kritik blieb kein Stein auf dem anderen.
Goethezeitportal: Herr Schlingenwachs, Scharlatan, Hochstapler, Genie, Lump - das alles bietet Ihnen die Kritik als Selbstdefinition an. Was ziehen Sie vor?
Bernhard Schlingenwachs: Lump.
GZP: Warum?
BS: Es ist am kürzesten. Und es trifft die Sache wohl noch am ehesten. Genie? Kann ich für mich im Ernst nicht in Anspruch nehmen. Scharlatan bin ich aber auch keiner. Bleibt Lump. Nun gut. Mehr ist von unserer Literaturkritik im Augenblick halt nicht zu erwarten.
GZP: 30 Jahre haben Sie an "Das Gesicht des Hinterns" gearbeitet. Die Erwartungen waren gigantisch. Im Grunde waren sie so hoch, daß Sie daran scheitern mußten. Haben Sie sich diesen Erwartungen systematisch entzogen?
BS: Ich glaube, wenn man mit solchen Vorschußlorbeeren bedacht wird, ist das ein ganz guter Gradmesser dafür, daß man Sie abschießen will. Wenn ich Hysterie wittere, gehe ich immer sofort aus dem Raum. Ich komme mit Hysterie einfach nicht klar. Das Nebulose daran. Die unausgesprochenen Ansprüche, das ganze Tamtam. Jedenfalls, mir war klar, daß ich keine Chance hatte. Wenn ich einen netten, normalen kleinen Roman vorgelegt hätte, hätte es geheißen: Na ja, wie, das ist alles? Hätte ich einen fetten Wälzer hingelegt, voller Personen und Ereignisse, am Ende noch zwei Jahrhunderte umspannend, hätte man mir Tolstoi um die Ohren gehauen.
GZP: Darum acht verschiedene Hauptfiguren? Die irgendwie doch alle ein und dieselbe Person sind?
BS: Ja, genau. Herrlich blödsinnig, oder?
GZP: Auf jeden Fall ging Ihre Rechnung auf. Die Kritiker waren baff.
BS: Das Ergebnis hat niemand so recht einordnen können, das stimmt. Keiner konnte sich einen Reim darauf machen. Ein frivoler, ein tiefer Roman, hieß es. Aber seit wann ist ein frivoler Roman auch ein tiefer?
GZP: Sie beschränken sich in der Handlung auf die Vorgänge des Jahres 1969 ...
BS: Das ist richtig. Es ist ein bestimmter Tag des Jahres 1969, an dem alles passiert, an dem weit entfernte Geschichten zusammenlaufen. Ein Tag im September. Das hat aber nichts mit dem "Ulysses" zu tun, und auch nichts mit Don DeLillos "Cosmopolis". Es geht eigentlich auf einen Scherz zurück, den ich mal gemacht habe ... Ein anderer Arbeitstitel des Romans war: "Bekenntnisse einer Witzfigur". Ich stelle acht Leute vor, jeder mit seinem Schicksal an diesem speziellen Tag beschäftigt, und am Ende stellen sie fest, daß sie sich ihr Schicksal teilen.
GZP: Warum jenes Jahr? 1969?
BS: Es ist ein besonderer historischer Moment, scheint mir. Damals schien Veränderung möglich. Es schien der Beginn einer großen, einer goldenen Zeit zu sein. Heute, wo der Roman erscheint, ist Veränderung nicht nur eher unwahrscheinlich, sondern auch noch extrem unerwünscht. Finstere Wolken hängen über dem Horizont.
GZP: Sie meinen?
BS: Die Leute heute sind sehr konservativ. Ängstlich. Niemand würde das zwar sagen, aber im Grunde haben wir alle Angst vor der Zukunft. Die Vergangenheit war zu gut. Wir hatten eine irre Menge von Chancen, und wenn wir ehrlich sind - und jeder weiß das -, dann haben wir nicht eine davon genutzt. Das hat etwas von Hybris, und Menschen bekommen es immer mit der Angst zu tun, wenn sie über die Stränge geschlagen, wenn sie gefrevelt haben. Das hat etwas mit schlechtem Gewissen zu tun, nehme ich an. Die Verhältnisse sind heute genauso finster wie in den 50er Jahren. Die Politik ist immer noch eine Angelegenheit von größenwahnsinnigen Schurken, die Wirtschaft ist skrupellos, die Medien präsentieren sich als Skurrilität, als gigantische Propagandamaschinerie für Mittelmaß und Wahn. Nichts hat sich geändert.
GZP: Sind Sie enttäuscht?
BS: Ich habe nicht das Recht, enttäuscht zu sein. Ich habe ja auch nichts getan, außer an einem Roman zu schreiben, den niemand braucht.
GZP: Und trotzdem klingt Verbitterung heraus, wenn Sie über die verpaßten Chancen reden ...
BS: Ja, natürlich. Es ist furchtbar. Da war eine Generation, die es so gut und leicht hatte wie vielleicht keine andere vor ihr. Und ich gehörte ihr an. Einer Generation von kleinen Sonnenkönigen. Jeder hielt sich für den King, auf jeden schien es anzukommen. Und was hat diese Generation produziert? Etwa ein Dutzend Versailles'? Oder wenigstens ein paar vernünftige Gesetze? Nein. Schulden. Das wird bleiben von diesen ganzen Ludwigs den Vierzehnten!
GZP: Sind Sie da nicht ein bißchen ungerecht?
BS: Höchstwahrscheinlich. Aber lassen Sie mich noch etwas zu 1969 sagen ... Damals starben zwei Schriftsteller, die mir immer sehr viel bedeutet haben. Der eine ist Theodor W. Adorno ...
GZP: ... der sagte, man könne nach Auschwitz keine Gedichte mehr schreiben ...
BS: ... und der andere ist Witold Gombrowicz. Den liebe ich sehr. Vielleicht noch mehr als Adorno. Ja, doch. Das Verhältnis ist brüderlicher. Meine Zuneigung zu Adorno hat etwas Idealistisches, etwas Uneinlösbares. Adorno erscheint mir wie ein Versprechen - die Ziseliertheit seines Stils, das ewige Beharren auf der Erlösung, die doch nie kommen wird. Wie er jedes Phänomen zurückbiegt hin auf die Notwendigkeit von Erlösung - das ist so großartig wie verrückt, eigentlich. Dagegen hat Gombrowicz etwas sehr Pragmatisches, etwas Derbes, Erdnahes. Er sagt: Die Erlösung, schön, meinetwegen, warum nicht? Und was kommt als nächstes? Er ist ein Clown, ein Exzentriker. Auch er spinnt, aber er weiß, wo er hingehört.
GZP: Herr Schlingenwachs, wir danken für das Gespräch.
Das Gespräch führte Marcus E. Herbert