Liner Notes
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Liner Notes

Wir saßen auf meiner Veranda; die Sonne schmolz über die Landschaft hinweg ins Meer. Die alten Griechen gingen ja davon aus, daß die Sonne jeden Abend im Meer versinkt. Das tut sie nicht. Soviel steht mal fest. Man hat die Hintergrundstrahlung des Universums erforscht, und von einer Sonne im Meer hab ich nie wieder was gehört. Trotzdem hat der Mensch mehr als einen Fuß bis heute auch nicht auf den Mond gesetzt. Warum also das Maul aufreißen? Der Mars ist noch gänzlich unbetreten. Aber ich will nicht meckern. Ich war nämlich in einer versöhnlichen Stimmung; Grundgütiger, ich hätte noch nicht einmal meinen Sohn vertrimmt, wenn der die Stirn gehabt hätte, vorbeizuschauen. Wenn Sie verstehen, was ich meine.

Johnny war dagewesen, jetzt wollte er sich verabschieden. Wir haben uns in Reno kennengelernt. Bei einem Konzert oder einer Sauftour. Oder in Las Vegas. Es war eine wilde Zeit damals. Tagsüber trinken, abends auf die Bühne und weitertrinken, danach gepflegt Hotelzimmer auseinandernehmen. Wer das nie mitgemacht hat, den Tourwahnsinn und das ganze Zeug, der weiß einfach nicht, wie’s läuft. Ich meine. Hey.

Johnny sagte, während die Sonne seinen Schatten über meinen Rollstuhl warf, dort, wo früher meine Beine waren: „Wenn ich das nächste Mal vorbeikomme, Chuck, nehmen wir ein paar Songs auf. Ich hab da einen ziemlich aufgeweckten Burschen kennengelernt. Rock Robin heißt der Typ.“ – „Nie von ihm gehört. Bei meiner Treu.“ – „Ist ziemlich aufgeweckt.“ – „Wie heißt der, sagst du?“ – „Rock. Rock Robin.“ – „Nein, verdammt, beim Arsch meiner Seele – nie gehört.“ – „Macht ja nichts. Aber er hatte die Idee, ob wir nicht mal einen Song aufnehmen sollten zusammen. Er ist ein großer Bewunderer von dir, mußt du wissen.“ – „Im Ernst? Ist der nicht ganz dicht?“ – „Also, er hat’s ziemlich auf dem Kasten, muß ich sagen. Cleveres Kerlchen.“

Ich kann’s nicht leiden, wenn die Dinge sich zu folgerichtig entwickeln. Das macht mich nervös. Ich hab mit einigen Produzenten gearbeitet, aber die, mit denen es am besten funktioniert hat, waren die, die absolut keine Ahnung hatten, was passierte. Der allerbeste Produzent, mit dem ich gearbeitet habe, war Bob. Bob hatte sich irgendwann so zugedröhnt, daß seitdem sein Kopf wackelte. Auf mich wirkte das beruhigend. Es flößte mir Vertrauen ein. Ich brauche das Chaos. Ich brauche eine Bierflasche auf den Tasten, wenn ich Klavier spielen soll, ich brauche Whisky in der Gitarre. So in der Art. Sie verstehen schon. Die Dinge dürfen nicht zu glatt laufen. Wenn die Dinge zu glatt laufen, dann entwickelt sich alles in Richtung Arschlochwelt. Und ich hasse die Arschlochwelt. Die Arschlochwelt ist übrigens jene Welt, in der die Arschlöcher herumlaufen. Ganz recht.

„Wir leben in einer Welt, in der es nicht unbedingt von Vorteil ist, wenn einer eins und eins zusammenzählen kann“, sagte ich. Ich liebe es, solche Sachen zu sagen. Es klingt abgründig, und es bedeutet nichts. Nada. Niente, wie die Italiener sagen. Ich spuckte einen Strahl Kautabaksaft ins Gras jenseits meiner Veranda. Johnny sagte: „Ich versteh, was du meinst. Laß uns telefonieren.“ In jener Nacht schlief ich schlecht. Irgendwann meinte meine Frau zu mir: „Sag mal, Chuck – schläfst du schlecht?“ – „Verdammt, kümmer dich um deinen eigenen Scheiß, okay?“ gab ich zurück. Es war zärtlich gemeint, aber sie fing an zu heulen. Ich stand auf, hievte mich in den Rollstuhl und rollte mich in die Küche, um mir ein Bier zu holen. Bald darauf saß ich am Piano und schrieb einen Song. Das war „Baby You’re No Good.“ Der Song war wirklich erbärmlich, und ich habe ihn seitdem nie wieder gespielt. Aber als dann dieser Rock Robin auftauchte und mir von der Platte vorschwärmte, die er mit mir machen wollte, kramte ich den Song heraus und spielte ihn ihm vor. Rock schluckte ziemlich laut. „Okay. Das ist nicht übel“, sagte er nach einer Weile. „Aber kennen Sie zufällig ‚One’ von U2?“ – „Wovon reden Sie, Junge?“ – „Ich rede von dem Song ‚One’ von der Band U2.“ – „Ist das was Mathematisches? Muß ich da was ausrechnen?“ – „Nein. Passen Sie auf. Ich spiele Ihnen den Song vor.“ Und das tat er. Und obwohl meine Gitarre nur noch drei Saiten hatte, war ich beeindruckt. Ehrlich. Und kurz und gut, wir machten dann dieses Ding, das Sie jetzt in Ihren Händen halten. Viel Spaß damit.

 

Chuck Dollar

Memphis, Tennessee, someday, maybe

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