Ich war in jenem Sommer strafversetzt worden. Meine Vorgesetzten – allen voran der Oberst, der mich schon lange auf dem Kieker hatte – waren der Ansicht, ich hätte ein paar Rekruten zu hart rangenommen. Der wirkliche Hintergrund der Strafmaßnahme war, daß einer der Rekruten gewisse verwandtschaftliche Beziehungen in höhere, einflußreiche Regionen der Gesellschaft hatte. Im Grunde also mußte ich dafür büßen, daß er in einem lachhaften Maße verweichlicht war. Er hätte, wenn er den körperlichen Belastungen des Soldatenberufs nicht gewachsen war, niemals daran denken dürfen, eine militärische Karriere einzuschlagen. Eine solche Fehleinschätzung des eigenen Leistungsvermögens kann tödliche Folgen haben, und zwar auch für die Kameraden, die in der Stunde der Not auf Sand gebaut haben, wenn einer der Ihren ausfällt. Ein Soldat, das dürfen Sie nicht vergessen, schläft nie. Niemals. Er ist wie ein Präzisionswerkzeug. Er muß immer einsatzfähig sein.
Wir machten die klassische Übung auf dem Kasernenhof. Sprung auf, Marsch, Marsch, Stellung. Und wieder Sprung auf, Stellung. Stundenlang sprang der Rekrut auf, machte einen Satz nach vorn und ließ sich wieder zu Boden fallen, das Gewehr im Anschlag, Staubwolken aufwirbelnd. Ich stand neben ihm und brüllte. Irgendwann ist der verhätschelte Hampelmann dann zusammengeklappt. Stand einfach nicht wieder auf, atmete nicht einmal mehr. Zum Glück kannte der Oberfeldwebel sich mit Reanimation aus. Ich hätte nichts mehr ausrichten können und den kleinen Bastard krepieren lassen. Wäre das wirklich ein Verlust gewesen? Und für wen?
Wie auch immer, man kam höheren Orts überein, mich nach Koogmarn zu schicken, an einen der finstersten Außenposten unserer Zivilisation.
„Dort können Sie endlich dem Vaterland auf die Art und Weise dienen, die Sie für die richtige halten“, sagte der Oberst, als er mir meinen Marschbefehl aushändigte.
„Ich habe den Eindruck, daß ich dort eher für das Vaterland verschimmeln kann“, gab ich zurück.
Das Gesicht des Obersten war undurchdringlich, als er meinen Blick erwiderte. Ein Politiker, durch und durch. Eiskalt. „Auch das ist natürlich eine Möglichkeit“, sagte er.
Ich war nie auf der Insel gewesen, hatte aber natürlich von ihr gehört. Ich kannte die Geschichten um den Bauer Schorsch und seinen engen Freund Axel, die, neben ihrem Bier, auch so manches anrüchige Geheimnis miteinander teilen. Mir war die nervöse Figur des Doc Böx nicht unbekannt, und auch von Bruce Dichter, dem Maler, den ein Hurrikan an die Koogmarnschen Gestade verschlagen hat, hatte ich sehr wohl gehört. Eigentlich war Dichter ein Dichter, drüben in den USA. Dann, als er eines Tages mit seinem Boot den Hudson hinabtuckerte, erfaßte ihn ein Wirbelsturm, und als er wieder zu sich kam, lag er am Strand von Koogmarn. Niemand verstand ihn dort, niemand sprach seine Sprache. Also versuchte er sich notgedrungen mit Bildern, mit Gemälden verständlich zu machen, doch reichte sein malerisches Talent nur aus, um immer wieder das gleiche fade Panorama herzustellen – eine eidottergelbe Sonne über der monoton bleifarbenen See, die Koogmarn umspült. Darüber hingefetzt ein weißlicher Wolkenstrich. Auch Doc Böx, der sich diesen Bildnissen mit an Selbstverleugnung grenzender Hingabe widmete, kam über diesen Befund nicht hinaus: Seltsam.
Diese Geschichten kannte ich also. Ich wußte auch, daß der Bauer Schorsch mit einer schwarzen Augenmaske als „Cogman“ gegen das Verbrechen kämpfte in Koogmarn City, der Hauptstadt der Insel. Ich hatte gehört, daß er alte Mütterchen davor bewahren wollte, zum Raub der Ungerechten zu werden, und dabei auch schon mal den Falschen kalt machte.
All das wußte ich. Ich wußte nur nicht, was ich davon zu halten hatte.
Die Sonne brannte vom Himmel an dem Tag, als ich aufbrach. Man gab mir zwei Soldaten mit. Eine Art Eskorte. Sie sollten mir zur Seite stehen. Es handelte sich um die Gefreiten Ringl und Matz. Wir ritten mit Kamelen durch die Wüste. Unser Eßbesteck klapperte, und Ringl erzählte einen anstößigen Witz nach dem anderen. Endlich erreichten wir Tanger, die berüchtigte Hafenstadt in Marokko. Hier gingen wir an Bord eines Schiffes, das uns nach Norden transportieren sollte. Als wir von der Reling aus die afrikanische Küste zurücksinken sahen, packte ich in einer jähen Aufwallung von Schwermut meine Schreibmaschine, meine gute alte Hermes Baby, und schleuderte sie ins Wasser. Ich wollte einen Schlußstrich ziehen.
Ringl und Matz blickten mich schockiert an, aber ich fletschte nur die Zähne.
„Ich habe genug Gedichte geschrieben“, sagte ich. „Es wird Zeit, daß ich das Handwerk des Tötens so ernst nehme, wie es ernst genommen zu werden verdient.“
Die beiden Gefreiten nickten und schulterten ihre Gewehre.
Robert Mattheis, im November 2005, Rio de Janeiro (es schneit)