Der Mann ohne Unterleib
space

Der Mann ohne Unterleib

Sie traten aus dem Aufzug in den weißgekachelten Raum. Neonlicht, das hart in die Augen prallte. Die Leichenkammern in der Wand, wie Postfächer; überdimensionierte Pakete, die niemand abholen würde. Hennes Ohnemuß, mit diesem Anblick mehr als vertraut, war dennoch jedesmal von neuem ergriffen davon.
Die Absätze seiner Kollegin ließen ein wütendes Klacken hören.
„Üble Geschichte“, sagte der Pathologe, ein beinahe fahrlässig cooler junger Bursche mit Rastalocken und Nickelbrille. Unter seinem weißen Pathologenkittel trug er Jeans und Turnschuhe. Wenn man ihn sich so ansah, konnte man auf den Gedanken kommen, man befände sich in einem Fundbüro und wollte ein Fahrrad abholen, dachte Ohnemuß.
Der Pathologe fuhr fort: „Er ist in eine Schiffsschraube geraten. Es sei denn“, sagte er mit einem kurzen Lachen, das gespenstisch widerhallte zwischen den kalten Kacheln, „der Weiße Hai hat sich über ihn hergemacht. Ist aber wohl wenig wahrscheinlich.“
„Wenig“, sagte Lara Kraft.
Ohnemuß betrachtete die weißen, gesunden Zähne des Pathologen, die bei seinem Lachen sichtbar wurden.
„In die Schiffsschraube?“ fragte er dabei.
„Yep“, sagte der Pathologe und zog eines der Fächer auf. „Der ganze Unterteil fehlt. Der Unterleib. Einfach weggefräst. Wird sicher in ein paar Tagen irgendwo angespült. Kein schöner Anblick.“
Ohnemuß stellte sich das vor. Wie da so ein Schipper friedlich den Rhein hinauftuckerte. Mit Seemannsmütze und allem. Er paffte in Ruhe seine Pfeife und stellte frömmelnde Betrachtungen über die Schönheit der Landschaft an, die vorbeizog. Und hinten, am Heck, pürierte seine Schiffsschraube die sterblichen Überreste von ... das kann mir auch eines Tages passieren, dachte der Polizist ohne erkennbaren Zusammenhang. Wenn ich nicht aufpasse. Er griff sich nervös an die Stirn. Etwas in ihm krampfte sich zusammen, und er warf Lara Kraft einen heißen, verzweifelten Blick zu.
Der Pathologe schlug das weiße Laken weit zurück. Das Gesicht des Toten war friedlich. Angesichts der Tatsache, daß sein Körper mit dem Bauchnabel endete, hatte dieser friedfertige Ausdruck allerdings etwas Obszönes. Lara Kraft rückte ihre Brille zurecht und lehnte sich vor, um die Verstümmelung – das gräuliche Gewirr von Gedärm, Sehnen, Muskeln und Adern – genauer in Augenschein zu nehmen. Der Pathologe blinzelte nervös zu Hennes Ohnemuß hinüber.
„He, Meister, ganz ruhig ...“
Aber seine Ermahnung kam zu spät. Schon ergoß sich aus dem Mund des Kriminalen ein gelblicher Schwall vor die Füße seiner Kollegin. Sie hüpfte mit einem angeekelten Gesichtsausdruck zur Seite und überprüfte hektisch ihr Kostüm.
„Iiih. Hennes. Passen Sie doch auf. Was ist denn mit Ihnen?“
„Jürgen Kowalski“, würgte Ohnemuß hervor, sich an der Wand abstützend. Er blickte in eine andere Richtung, wedelte aber mit der Hand in Richtung des halben Leichnams.
„Sie kennen ihn?“ wunderte sich der Pathologe, der Lara Kraft ein Taschentuch reichte.
„Klar. Aus dem Fernsehen“, gab Ohnemuß, immer noch um Fassung ringend, zurück. „Das Gesicht. Unverkennbar.“
„Ein Fernsehstar?“ Lara Kraft, die mit dem Taschentuch den schwarzen Glanz ihrer Schuhe wiederherstellte, hob erstaunt den Blick zu ihrem Kollegen auf. Noch immer schwer atmend, sagte dieser:
„Star kann man nicht sagen. Er war bei '1984' dabei.“
„Diese ... Containershow? Meinen Sie die?“
„Genau. DU BIST NICHT ALLEIN. Das kennen Sie doch.“
Er summte eine Melodie, die aus etwa zwei Tönen zu bestehen schien.
Lara Kraft entfernte einen giftigen Spritzer von ihrem kurzen anthrazitfarbenen Rock.
„Bedaure“, sagte der Pathologe, „wir haben hier ziemlich viel zu tun. Da kommt man nicht viel zum Fernsehen.“
„Kowalski ist vor ein paar Tagen rausgekommen. Aus dem Container. War sehr spektakulär“, sagte Ohnemuß. „Sein bester Freund, Pivo, wurde rausgewählt. Da beschloß Jürgen, ihm zu folgen. Ohne seinen Kumpel wollte er nicht drin bleiben.“
„Wieso kennen Sie sich da so gut aus, Hennes?“
Lara Kraft war mit ihrer Reinigungsarbeit fertig. Jetzt stand sie da, den Zipfel des verdreckten Taschentuches zwischen zwei Fingern. Der Pathologe bedeutete ihr, sie solle es ruhig einfach auf den Boden werfen; der müsse ja jetzt sowieso gereinigt werden.
„Meine Tochter ist verrückt nach diesem Dreck“, gab Ohnemuß zur Antwort und sah zu, wie das zerknüllte Taschentuch inmitten seines ehemaligen Mageninhalts landete. „Schaut sich das jeden Abend an. Wie so gut wie jeder Teenager in diesem Land.“
„Ach ja“, sagte Lara Kraft beiläufig, „Ihre Tochter.“
Ohnemuß senkte den Blick.
„Dieses ‚1984’ ist wahnsinnig erfolgreich, oder?“ fragte sie.
Er nickte. „WAR erfolgreich, genauer gesagt. Seit Pivo und Jürgen raus sind, will das kein Schwein mehr sehen. Wozu auch. Jetzt sitzen da nur noch drei psychopathische Langweiler auf einem roten Sofa und schweigen sich an. Oder sie brechen in ein unerträgliches Nölen aus. Stellen Überlegungen darüber an, wer von ihnen die Million mit nach Hause nehmen wird.“
Der Pathologe pfiff durch die Zähne.
„Eine Million? Euro? Fürs psychopathische Rumsitzen auf einem Sofa?“
„Rotes Sofa“, sagte Lara Kraft.
„Wahnsinnig erfolgreich“, bestätigte Hennes Ohnemuß. „Solange Pivo und Jürgen dabei waren. Die zwei sollen jetzt sogar eine CD aufnehmen. Sie haben den Laden in Schwung gehalten. Nach ihrem Abgang brach die Quote ein. Und wie. Als hätte man der Show das Herz rausgeschnitten.“
„Ein Sinnbild unserer Zeit.“ Lara Kraft richtete die kleine kantige Brille auf ihrer Nase aus. „Leute auf einem Sofa, die lamentieren. Und dafür eine Million bekommen. Weil eine Kamera auf sie gerichtet ist.“ Sie lächelte frostig. „Ich habe Medienwissenschaften studiert. Entschuldigen Sie, meine Herren.“ Mit diesen Worten wandte sie sich erneut der Leiche zu. „Todesursache?“
„Ein Schlag auf den Kopf“, sagte der Pathologe. „Sehen Sie, hier. Ein stumpfer Gegenstand.“
Lara Kraft nickte. „Affekt“, sagte sie.
„Kein Wasser in den Lungen?“
Der Pathologe und Lara Kraft sahen Hennes Ohnemuß an, der diese Frage gestellt hatte.
„Sie schauen aber wirklich viel fern, wie?“ Der Pathologe lachte wieder, und die Wände lachten mit, kalt und fern. „Nein, kein Wasser in den Lungen, Kommissar. Er wurde erschlagen und dann in den Rhein geworfen.“
„Womit könnte er erschlagen worden sein?“
Der Pathologe zuckte gelangweilt die Achseln. „Zum Beispiel mit einem Aschenbecher. Oder mit einer Eisenstange. Mit der Platte eines Schreibtisches. Wer weiß. Etwas Stumpfes, Schweres. Danach müßt ihr Ausschau halten. Aber was genau und warum, das herauszufinden ist euer Job. Oder?“


München, den 15. November 2005
Robert Mattheis

 

space
Sie befinden sich hier: Actors & Artists  /  Kleines Feuilleton  /  Der Mann ohne Unterleib  /