Gender
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Campus Novels - Universitätsromane: Die Universität als literarisches Motiv

Melanie Lauer, Elisabeth Mader, Eva Rettenbacher und Sylvia Ring: Genderthematik

Inhalt

1. Allgemeines zu gender studies

2. Genderthematik in Changing Places und Small World

3. Aspekte der Gender-Thematik in Gaudy-Night

4. Berliner Aufklärung - Gender-Stereotypen in einer „verdrehten Welt“

5. Aspekte der Gender-Thematik im Campus

 

Genderfrage
Ergebnisprotokoll der Sitzungen vom 22. und 29. Januar 2004

1. Allgemeines zu gender studies

- Indem Frauen der Zugang zum Erlernen der Schrift verschlossen blieb, wurde die Schrift ein Machtinstrument des Mannes. Eine Folge war die Verbindung des Männlichen mit Schriftlichkeit/Geist und der Weiblichkeit mit Mündlichkeit/Körperlichkeit. So überlagerte sich die natürliche mit der kulturellen Geschlechtertrennung.

(Wobei schon die biologische Trennung dem herrschenden biologischen Diskurs unterliegt (vgl. Laqueur) und somit nur ein historisches Konstrukt ist).

- Die Genderforschung beschäftigt sich nun, den natürlichen Unterschied wohl anerkennend, mit der kulturellen Unterschiedlichkeit; zumal die Opposition männlich/weiblich nicht neutral funktioniert sondern eine hierarchische Ordnung impliziert: Das Männliche herrscht, setzt sich als Norm, dem Weiblichen bleibt nur der Platz des Anderen außerhalb der Norm.

- Die von der Genderforschung erlangten Erkenntnisse macht sich die LitWiss zunutze. Gleichzeitig hat sie Strategien entwickelt, um die Konstruiertheit von im Text auftretenden, scheinbar natürlich gegebenen Gesetzen, aufzudecken (z.B. über die Bloßlegung der konstruierten Aktantenfunktionen).

- Die für die Aufdeckung der Funktionsweisen ausgebildeten Strategien können die soziologischen Strategien zur Aufdeckung ähnlicher Vorgänge in der Gesellschaft ergänzen und modifizieren.

 

2. Genderthematik in Changing Places (und Small World) (1. Teil „Gender“)

- In Changing Places treten relativ wenige Frauen auf. Wenn sie auftreten, dann nur in Objektpositionen als Relationspunkte zu den männlichen Figuren (vgl. Handout).

- Dies ändert sich in Small World:

    • Erste Akademikerin tritt auf (Fulvia Morgana). Wobei sie keine Subjektposition auf Männerseite einnehmen kann (ordnet sich dem weiblichen Prinzip der Körperlichkeit unter).
    • Désirée gewinnt auf Discours- (als Fokalisationsfigur) und auf Histoireebene (z.T. als Hauptfigur des Geschehens) Subjektposition.

- „Wer ist der Sexist?“ (in Changing Places):

    • auf Figurenebene: Fokalistionsfiguren (Swallow, Zapp) sind männlich und verhalten sich ihrem Diskurs gemäß. 
    • auf Erzählerebene: keine differenzierende Erzählerstimme

→ Zwei Interpretationen möglich: Erzähler macht gemeinsame Sache mit Figuren, oder distanziertes Vorführen von sexistischem Denken

- Die Frage, ob überhaupt Sexismus (besser: patriarchale Denkweise) herrscht, ist aufgrund der Verwendung von Ironie nicht eindeutig zu beantworten.

- Für ein Vorherrschen patriarchaler Denkweisen spricht deren häufige Thematisierung (bes. in Small World).

- Grund dafür könnte auch eine Orientierung am Geschmack des Buchmarktes sein (Lodge als Bestsellerautor).

 

3. Aspekte der Gender-Thematik in Gaudy-Night

Die weiblichen Dons des Frauen-Colleges sind sich ihrer Identität als weibliche Wissenschafter unsicher. Herausgestellt wird diese Unsicherheit durch den Kriminalfall, der die heile Welt des Colleges ankratzt und damit auch die weiblichen Wissenschaftlerinnen in Frage stellt.

Das Frauencollege ist ein Ort, an dem nur homosoziale Kommunikation funktioniert, die heterosoziale Kommunikation ist gestört. Peter ist als potentieller männlicher Heiratskandidat ein Fremdfaktor (der Hausmeister ist geduldet, insofern er nicht für eine Heirat in Frage kommt) im College; eine Kommunikation fernab der intellektuellen Ebene zwischen Harriet und ihm ist nicht möglich. Die Aufgabe des Kriminalfalles aber schafft als gewissermaßen imaginärer Ort einen gemeinsamen Rahmen für Peter und Harriet.

Eine konkrete Stellungsnahme zur historischen Thematik ‘Frauen und Berufswahl’ lässt sich nicht eindeutig aus dem Roman herleiten. Zwar werden die Erwartungen an die Figur Hilliard, die als alte Jungfer für die Rolle des Poltergeistes prädestiniert zu sein scheint, gebrochen und somit eine weibliche Stereotypisierung als solche entlarvt. Andererseits aber löst schließlich Lord Peter den Fall, und die Frauen mussten sich, wie die Täterin konstatiert „einen Mann holen, der den Fall löst“. (Dieser Satz ließe sich aber auch wiederum als Ausstellung der geschlechtsspezifischen Rollenmuster lesen.) Es bleibt dabei aber zu bedenken, dass in dem stark mimetisch geprägten Stil des Romans die Klärung des Falls durch eine Frau wohl als Utopie begriffen werden müsste und Dorothy L. Sayers so dem kritischen Potenzial des Romans schaden würde, ließe sie Harriet an Peters Stelle den Fall lösen. Darüber hinaus wäre es auch zu kurz gegriffen, Peter als Repräsentant der patriarchalen Welt zu beschreiben, stellt er doch ein durchaus die Lesererwartung bedienendes positiv gezeichnetes Idealbild des reichen, gebildeten Adeligen dar und steht als femininer Mann eher außerhalb der Gesellschaft.

 

4. Berliner Aufklärung - Gender-Stereotypen in einer „verdrehten Welt“

In dem Kriminalroman Berliner Aufklärung werden Stereotypen als solche vorgeführt und gleichzeitig gedoppelt. So trinkt die homosexuelle Anja gerne Bier, was im unmittelbar darauffolgenden Satz als Verhaltensmerkmal der „Kampflesben“ ausgewiesen wird. Das Romangeschehen ist überwiegend in der Fokalisierung durch Anja vermittelt; auch jene Stellen, die Victoria Stachowicz als Belege für eine auktoriale Erzählinstanz anführt, lassen sich präziser und differenzierter als Kombination einer Fokalisierung durch Anja mit einem hohen Grad an Selbstironie dieser Figur beschreiben. Dementsprechend lässt sich auch eine weitere Stelle im Buch interpretieren: Für Professor Maier-Abendroth ist eine Frau ohne Kinder eine gescheiterte Frau, seine eigene Kinderlosigkeit hingegen, die gleich im darauffolgenden Absatz zur Sprache kommt, stellt kein zu interpretierendes Faktum dar. Auch ist diese die Stereotypen entlarvende Ironie nicht auf eine auktoriale Erzählerinstanz zurückzuführen, sondern auf die implizite Inszenierung im Diskurs.

Die starke Fokalisierung des Geschehens durch Anja ist auch Ursache dafür, dass aus dem Text heraus keine Angaben darüber gemacht werden können, inwiefern ihre Zuneigung von Rebecca erwidert wurde. Deutlich aber ist, dass dem Verhältnis beider Figuren eine asymmetrische Konfiguration zugrunde liegt. Der Begriff „Nichtangriffspakt“, den Anja verwendet, um das Verhältnis zwischen ihr und Rebecca zu beschreiben, impliziert ein gegenseitiges Begehren und eine beiderseitige Direktheit, dem die histoire widerspricht. Er wird zur Metapher, die, aus einem anderen Bereich übernommen, nun als Wort des Szenejargons die Differenz zwischen der angeblichen Eindeutigkeit und ihrer tatsächlichen Vagheit herausstellt.

Die herausragende Rolle, die der Transvestismus im Roman spielt, kann man auf theoretischer Ebene dergestalt interpretieren, dass durch ihn das Geschlecht als Konstrukt entlarvt wird.

[Vgl. dazu Garber, Marjorie B.: Vested Interests. Cross-Dressing and Cultural Anxiety, New York etc. 1992. Ü: Verhüllte Interessen. Transvestismus und kulturelle Angst. Frankfurt/M. 1993.]

 

5. Aspekte der Gender-Thematik im Campus

Auch in Dietrich Schwanitz’ Roman Campus fällt die stark stereotype Zeichnung der einzelnen Figuren auf. Im Unterschied zu den vorangegangenen Texten aber werden hier die Stereotypen nicht durch eine ironische Distanzierung als solche problematisiert, sondern bruchlos repräsentiert, wobei besonders die Frauenfiguren durchweg negativ konnotiert sind. Diese für einen Roman der 1990er Jahre übertrieben mysogyne Darstellungstendenz lenkt gleichzeitig das Augenmerk des Lesers stark auf die Frauenfiguren.

Die Romanfiguren handeln – ungeachtet ihres Geschlechts – aus professionellem Eigeninteresse. So setzt sich die Professorin Wagner zwar für die Studentin Barbara ein, ihr Interesse für den Fall aber entspringt dem Willen, die Macht der Frauenbeauftragten, also ihre eigene, zu erweitern.

Untersucht man die narrativen Mittel des Romans, so wird deutlich, dass die männliche Figurensicht aufgrund der Fokalisierung durch Professor Hackmann stark überwiegt. Daran lässt sich die Frage der unterschiedlichen Lektüren von Mann und Frau anschließen. Für einen Mann mag beispielsweise die Szene der Verführung durch Barbara, die der Leser an die Fokalisierung Hackmanns gebunden erfährt, lustige Komponenten haben. Darüber hinaus aber bietet sich für diesen Text auch das Modell der zweiten Lektüre an, die es sich zum Ziel setzt, mit dem Mehrwissen der ersten Lektüre nicht der Fokalisierung des Textes zu folgen, sondern abseits von deren Vorgaben eine spezifische weibliche Sicht auf den Text zu bekommen.

Stefan Schukowski  (Abschnitte 1-2)
Regina Sachers und Maria Shalnova  (Abschnitte 3-5)

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