Raumkonzeption
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Campus Novels - Universitätsromane: Die Universität als literarisches Motiv

Regina Sachers und Stefan Schukowski: Raumkonzeption
 

Inhalt

 

Raumkonzeption
Ergebnisprotokoll der Sitzungen vom 15. und 22. Januar 2004

1. Raumsemantik und Sujetkonstruktion nach Lotman
   (zum Referat von Stefan Schukowski)

Begriffserläuterung: Sujet - sujethaft - sujetlos (russ. sjužet) bedeutet nicht etwa Thema/Sujet (frz. sujet), sondern Handlung.
 

Diskussion der Anwendung des Modells auf zwei ausgewählte Campus Novels

a) Dorns Berliner Aufklärung

Gattungsaspekte: Lotmans Analysemodell paßt sehr gut zum Genre des Krimis, dessen Handlungsschemata und Figurenkonstellationen stets stark räumlich konzipiert sind.

Die Affinitäten zwischen Campusroman und Krimi (vgl. zweite Seminarsitzung) basieren just auf dieser konstitutiven Raumkomponente (bes. stark im topographischen Modell der Campus-Uni, aber auch im kulturologischen Modell der Uni als eigener Lebenswelt).

Wie im Diagramm auf dem Thesenpapier nachzuvollziehen, ist der Raum der Uni zum einen narrativ für die Handlungsstruktur funktionalisiert und zum andern gemäß einer in Oppositionen faßbaren Raumsemantik inhaltlich beschrieben. Dem korrespondieren selbstverständlich weitere Verfahren im Roman, etwa die Charakterisierung der den verschiedenen Räumen zugeordneten Figuren durch Jargon.

Detektivin Anja ist Held im Sinne von Lotman: Sujetbewegung der Aufklärung des Rätsels

Grenzüberschreitung könnte im Detektivschema an verschiedenen Stellen mit unterschiedlicher Funktion angesiedelt werden: die Sujetbewegung der Detektion dient der Enträtselung einer (in der histoire früher geschehenen, im discours erst am Ende erzählbaren) quasi ersten Grenzüberschreitung, des Mords.

Im Diagramm muß die Opposition "Unwissenheit" (Uni) vs. "Aufgeklärtheit" (Gesellschaft) ausdifferenziert und genauer zugeordnet werden. Auf das sujetkonstitutive Rätsel bezogen kann nämlich bei keiner Seite von Aufgeklärtheit gesprochen werden. Das Wort ist nicht nur doppeldeutig im Sinne des Bildungs- und Wissensbegriffs (Romantitel, vgl. Diskussion in der Sitzung über die Bildungskonzeptionen), sondern enthält auch die Konnotation der sexuellen Aufklärung und Libertinage/Liberalität (Rubrik ‘Figuren’: Schwulenmilieu). Die Wortwahl ist also für eine Analyse der Strukturkomponenten zu vieldeutig (eher ein vom Text selbst suggerierter Begriff als ein wissenschaftlicher Beschreibungsbegriff).

Der Typus des "Expansionssujets" findet sich am Romanende konkret veranschaulicht (Auto in weiter Landschaft).
 

b) Walsers Die Brandung

Interessante Stufung: Die topographische Grenzüberschreitung per Interkontinentalflug ist als solche noch nicht die wirklich sujetauslösende Bewegung, sondern erst die Grenzerfahrung in der Brandung.

Der Raum der Uni kommt hier im Sujetschema überhaupt nicht mehr als eigener Komplex zum Tragen, er ist aufgehoben in dem übergeordneten Sujet des Kulturwechsels.

→  Sujet-Typen; Gattungsdefinition über die sujet-bestimmende Funktion des Raums Campus

Dieser radikal verschiedene Status des Campus in den beiden Sujet-Typen führt einerseits weiter zur Frage nach anderen Typen und andererseits zu generischen Grundüberlegungen.

Man könnte weitere exemplarische Typen finden, wo in den Campus selbst interne Grenzen eingezogen sind, die zur Sujetkonstruktion dienen:

c) Sayers' Gaudy Night: Grundopposition College (Frauencollege) vs. Stadt (männl. Oxfordtradition)

ist im Krimisujet innerhalb des Campus gespiegelt: antifeministisches Unwesen im College

d) Schwanitz' Der Campus: Die Grundopposition Uni vs. Gesellschaft ist nicht sujettragend; handlungsrelevant sind vielmehr die Gegensätze und Lagerbildungen innerhalb der Uni, verbunden mit bestimmten Instituten.

Wie man aus dieser kleinen improvisierten Typologie ableiten kann, dürfte das Lotmansche Modell eine exakte analytische Grundlage dafür bieten, ‘echte’ und ‘unechte’ Campus Novels voneinander zu scheiden: so läßt sich prüfen, ob die Uni als Raum ‘nur’ semantisch-thematisch bedeutsam ist oder ob sie auch die für den Text zentrale Sujetfunktion strukturiert.
 

2. Heterotopie
   (zum Thesenpapier von Regina Sachers) 

Theoretische Rekonstruktion:

Foucault - Jakobson - Lotman [vgl. Warning 2003] + Bachtin

Foucaults Konzeption der Heterotopie und Heterochronie bietet für sich genommen kein Analysemodell für literarische Texte, kann aber in Verbindung mit dem Lotmanschen Modell dafür genutzt werden. Die Schaltstelle zwischen dem kulturanthropologisch-historischen Ansatz Foucaults und dem strukturalistisch-textanalytischen Ansatz Lotmans ist die Besonderheit des literarischen Diskurses: Literatur ist einerseits eingebettet in das diskursive Umfeld, ist aber ein von den anderen Diskursen grundsätzlich unterschiedener "Konterdiskurs" (Foucault) mit ganz eigenen Qualitäten: Imagination, sprachliche Dichte, Überschuß – m.a.W. "Literarizität" und "Autoreferentialität" (Jakobson). Textuell äußert sich das in Mehrfachcodierungen und Wiederholungsstrukturen, in der poetischen Paradigmatisierung der normalen syntagmatischen Ordnung (Jakobson), was zugleich eine Verräumlichung der zeitlichen Rede bedingt. Solch paradigmatisch strukturierte Syntagmen ("paradigmatisches Erzählen", Warning) generieren ein vielsinniges Beziehungsgefüge von raumzeitlicher Dynamik, worin ein besonderes Potential für die Modellierung von Heterotopien und, damit verbunden, Heterochronien steckt. Die literarische Heterotopie wird zum Zeit-Raum des Imaginären, der Andersheit und Anderswerden zur Vorstellung bringt.

Hierbei kommt nun die von Lotman beobachtete Sujetfunktion von Räumen zum Tragen: Grenzziehungen und Transgression als Auslöser von narrativen Sujets. Die Abgrenzung heterotopischer Räume kann mithilfe der Lotmanschen Raumsemantik-Parameter (semantische Oppositionen) erfaßt werden.

Insofern Heterotopien meist an Zeitschnitte gebunden sind (Paradebeispiele Friedhof, Schiff), hat das Foucaultsche Konzept eine grundsätzliche Affinität zu Bachtins Idee des "Chronotops". Einer der wichtigsten von Bachtin benannten Chronotopoi, die Schwelle (Paradebeispiele bei Dostoevskij), ist zentral für den Gedanken der Heterotopie, die ja durch Ränder, Grenzen und Schwellen allererst konstituiert wird. Im Chronotop-Begriff läßt sich die wechselseitige Durchdringung genauer fassen.

[Bachtin, Michail: Formy vremeni i chronotopa, 1975; deutsch: Formen der Zeit im Roman, FfM 1989. Kurze Zusammenfassung bei Konstantinovic´, Zoran: Chronotopos. In: Glossarium der russischen Avantgarde, hg. A. Flaker, Graz-Wien 1989, 146-151.]

Wenn man nun also umfassend die russische mit der französischen Theorie vereint, hat man alle notwendigen Kategorien beisammen, textwissenschaftliche und kulturwissenschaftliche.
 

Heterotopie und Campus Novel

Mit Foucault könnte der Campus als eine vom sonstigen gesellschaftlichen Kontext abgegrenzte Heterotopie aufgefaßt werden. Wendet man diesen soziologischen Befund ins Literarische, so ergibt sich die These, daß die Gattung Uniroman heterotopische Strukturierungen erfordert bzw. auch begünstigt. Am deutlichsten manifestiert sich diese Affinität in jenen Uniromanen, die den Raum Uni in Mustern von Heterogenität und Kulturdifferenz verhandeln (s.o. Sujettypus b: Raumwechsel-Kulturwechsel).
 

Interpretationsbeispiel  Marías' Todas las almas

Oxforder high table (eine Heterotopie des Festes) als Inszenierung disparater Kommunikationsordnungen durch zeitlich, räumlich und kulturell strukturierte Blicke. Der interkulturell geprägte Blick als imaginative Öffnung auf andere Zeiten, andere Räume (Kindheit in Indien), qua Erinnerung gesehen von einem andern Ort und Zeitpunkt aus (Madrid); jeweils Sujetansatzpunkte (Affaire mit Claire, Affaire zwischen Claires Mutter und dem Schriftsteller).

Museum als heterotopischer Ort der Überlagerung von Zeiten: Überlagerung von drei Gesichtern in einem Gesicht, dissoziierte Doppelblicke
 

Textuelle Heterotopie?

Lassen sich die auffälligen Fremdkörper im Romantext, die beiden Fotos (mit den Zeitmarkern Jugend und Totenmaske), als semiotisch ‘andere’ Orte verstehen, als Repräsentation eines anderen Textraums?

Ähnlich vielleicht in Brandung die Gedichte (Konfrontation der beiden Sprachen): Lyrik als Heterotopie von/in Narration?

 

Heterotopie und contre-discours

- Die Partyszene in Brandung ist schon raumsemantisch als „anderer Raum“ markiert: Sie findet außerhalb San Franciscos statt und sie ist über einen steilen Weg nur schwer zu erreichen.

- Halm denkt, er würde die Konventionen, die in der Gruppe gelten (die floskelhafte, leere Kommunikation), kennen und versucht sich der vermeintlich geltenden Bräuche zu bedienen. Er übererfüllt aber die Konventionen, indem er die floskelhafte Kommunikation übertreibt. Durch die Übererfüllung (Erzeugen eines Überschusses) erschafft er einen Gegendiskurs (contre-discours), der den Diskurs bloßstellt, ihn lächerlich macht, und wird damit zu dessen Zerstörer.

- (Zur Erläuterung des hier dargestellten contre-discours: Die Funktionsweise der Überschussbildung im Gegendiskurs in Hinblick auf den Diskurs kann am Beispiel des Gegendiskurses ‚Literatur’ gegenüber dem normalsprachlichen Diskurs erklärt werden: Durch die Poetizität der literarischen Sprache (vgl. Jakobsons poetische Funktion und deren Verbindung mit der Wiederholung) entsteht ein Bedeutungsplus oder -überschuss. Dadurch wird die Sprache selbst problematisiert, was Auswirkungen auf den normalsprachlichen Diskurs hat.)

- Dass Halm einen Gegendiskurs erzeugt, wird durch seinen berauschten Zustand noch unterstrichen, den er selber für sein Gerede verantwortlich macht. Der Zustand des Rausches, der eine Nähe zum Anderen und Imaginären hat, speist seine Rede. Die Anwesenheit des Anderen im Rauschzustand wird auch im Produktionsprozess von „Inspiration Inn“ thematisiert („Schnappsidee“).

- Die Partyszene und weitere ähnlich funktionierende zentrale Szenen des Romans (z.B. Skatabende) enthalten in ihrer Mikrostruktur die Makrostruktur von Romans. Dies ist in postmodernen Romanen (angesetzt ab Mitte der 60er Jahre) eine häufig auftretende erzähltechnische Strategie (vgl. mise-en-abyme).

- Sowohl postmoderne Romane als auch „echte“ campus novels (vgl. Protokoll zum 15.01. „Heterotopie und Campus Novel“), die nicht postmodern sind, wie Gaudy Night (1935), besitzen eine Affinität zur Beschreibung von Heterotopien und Gegendiskursen.

- Die Methoden zur Konstruktion anderer Räume sind vielfältig: in campus novels über das Motiv der abgeschlossenen Universität, aber auch Strukturen wie z.B. die Kombinatorik können dies leisten.
 

Prof. Dr. Erika Greber (Abschnitte 1-2)
Stefan Schukowski  (Abschnitt: "Heterotopie und contre-discours")

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